Sinneserfahrungen im Ersten Weltkrieg

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Kriegserfahrungen sind Körpererfahrungen. Jedoch sind diese oft schwierig zu erfassen. Um diesem Ziel einen Schritt näher zu kommen, werden in der kommenden Tagung die Sinne in den Mittelpunkt gestellt. Definiert werden sie im Wörterbuch Le Littré als „Funktionsweise, die den Menschen und die Tiere mit den Objekten der Außenwelt verbindet, dank der Eindrücke, die diese Objekte auf ihn machen“. Von der Académie Française werden sie beschrieben als „Fähigkeit des Menschen und der Tiere, Eindrücke wahrzunehmen, die durch äußere Objekte hervorgerufen werden“. Während des Ersten Weltkrieges, wurden Sinne nicht nur neu erfahren, sondern führten zur Überschreitung von extremen Toleranzgrenzen. Diese Tagung hat das Ziel, die Entwicklung der Sinnesgeschichte des Ersten Weltkrieges zu fördern. Zu diesem Zwecke werden die Forschungsergebnisse von jungen Forschern und jungen Forscherinnen zusammengeführt, um einen neuen Blick auf die Kriegserfahrung zu werfen. Hierzu soll erforscht werden, mit welchen sensorischen Umwelten die Soldaten und die Zivilbevölkerung an den verschiedenen Fronten konfrontiert wurden und wie sie hierauf reagierten.

Die Geschichte der Sinne und Empfindungen, die aus der Annales-Schule und der historischen Anthropologie hervorgegangen ist, bettet sich in die aufstrebende Geschichte des Körpers und der Emotionen ein (Corbin, Courtine, Vigarello, 2006/2016, Frevert, 2021). Das hundertjährige Jubiläum des Krieges hat zur Erneuerung von Forschungsfragen in der Geschichtsschreibung beigetragen. Zahlreiche Studien über diese Zeit sind erschienen, die die Interaktionen zwischen Umgebungen, Objekte und Körper erforschen. Die Sinne werden jedoch oft nur unterschwellig erwähnt. Obwohl sinnliche Eindrücke Beispiele darstellen, die eine Aussage konkreter werden lassen, stehen die Sinne selten im Mittelpunkt der Untersuchungen. Die jüngsten Schritte in diese Richtung sollen nun ausgebaut werden, indem Sinne als Analyseschlüssel genutzt werden.

Trotz des Aufschwungs des disziplinären Feldes über das Sinnliche in Frankreich (siehe z. B. die Zeitschrift Sensibilités, und Corbin, 2000, 2013, 2016) behandeln relativ wenig Studien darunter den Ersten Weltkrieg (Katalog Fastnacht der Hölle, 2015). Andere Konflikte hingegen werden unter diesem Blickwinkel untersucht, sei es in Werken über die Antike (François, 2015), über das Mittelalter (Offenstadt, 2010) oder aus der neuesten Geschichte (Collingham, 2012). Als erster industrieller Krieg brachte der Krieg von 1914-1918 dennoch neue sinnliche und sensorische Erfahrungen mit sich, sowohl auf Seiten der Kämpfenden als auch auf Seiten der Zivilisten. Die technischen Entwicklungen und der verstärkte Einsatz der Artillerie führten zu einem strategischen Umlernen der Sinne. Die Soldaten entwickelten somit „die Kunst, die Flugbahn und den wahrscheinlichen Einschlagspunkt einer Granate am Klang zu erkennen“, wie es March Bloch in l’Étrange Défaite beschreibt. Zudem verwandelte der Beschuss Landschaften augenblicklich und hinterließ einen verwüsteten Horizont. Der Weltkrieg mobilisierte Soldaten, Gefangene und Arbeiter aus weit entfernten Ländern, förderte sensorische Entdeckungen, die sowohl den Geruchs-, Geschmacks-, Seh-, und Hörsinn als auch den Tastsinn betrafen.

Soldaten und Zivilisten wurden mit neuen sinnlichen Erfahrungen konfrontiert, zum Beispiel während der Bewältigung großer Distanzen oder der erzwungenen Bewegungslosigkeit (See- oder Luftübelkeit). Die taktilen Erfahrungen der Soldaten und Kriegsärzte mit dem Versinken in die feuchte Erde der Laufgräben (Audoin-Rouzeau, 2006 ; Cazals, Loez, 2008), mit toten Pferden, mit Tieren, wie Hunde, aber auch mit Läusen, Flöhen und Ratten (Baldin, 2007 ; Baratay, 2017), mit Konservennahrung (Bruegel, 1995 ; Llosa, 2008), aber auch die Erfahrung des Geschmacks gestreckter oder verdorbener Nahrung, des Geruchs der verwesenden Gewebe und der Gase (Rasmussen, 2008 ; Eckart, 2014) sind nur einige weitere Elemente, die dazu aufrufen, diese sinnliche Erfahrung des Krieges zu untersuchen. Mit diesem Ansatz möchte die Tagung einen Beitrag zur Historiographie des Ersten Weltkrieges leisten. Der Fokus wird dabei auf drei Ziele gesetzt: Erstens zielt die Tagung darauf, die sensorischen Umgebungen der Krieger und der Zivilbevölkerung zu rekonstruieren. Zweitens will sie die mehr oder weniger losen Verbindungen zwischen der sensorischen Welt im Hinterland und an der Front untersuchen. Und drittens wir sie die Stellung der fünf Sinne in den Diskursen im Zusammenhang mit dem sozialen Milieu der Akteure und der kulturellen Einflüsse erforschen.

1. Die sensorische Umgebung der Soldaten

„Das Schlachtfeld ist ein Raum, der mit ebenso ungewöhnlichen wie transgressiven sensorischen Botschaften durchdrungen ist“ (Mazurel, 2008). Es sollen also Sinneseindrücke aufgespürt werden, nicht um eine erschöpfende Liste zu erstellen, sondern um die Kriegserfahrung besser zu verstehen oder sie zumindest spezifisch durch das Prisma der Sinne neu zu beleuchten. Es geht insbesondere darum, die auftauchenden Sinneserfahrungen zu untersuchen, die für Zeitgenossen – Kämpfer, Gefangenen, Zivilisten, Fremdarbeiter und sogar für Tiere – an der Front und in der Heimat einen Bruch, eine Entdeckung, einen Schock bilden. Die Herausforderung besteht darin zu ermitteln, wie die Krieger ihre unmittelbare Umgebung wahrnahmen, auch um zu einer Emotionsgeschichte beizutragen. Welchen Stellenwert nahmen sinnliche Wahrnehmungen in der Kriegserfahrung der Krieger ein? Auf welche Weise drückten die Krieger ihre vielfältigen sinnlichen Eindrücke aus? An der Front nimmt das Gehör einen „besonderen Platz im Gleichgewicht der Sinne“ ein, und das Ohr kann als das „erste Organ der Angst“ (Mazurel, 2018) betrachtet werden.

Man kann dabei an das Rattern der Maschinengewehre denken, an Schreie verletzter Soldaten, aber auch an die beklemmende und beängstigende Stille der Nacht1. Die Tagung wird darauf achten, sich nicht nur auf negative Eindrücke zu konzentrieren. Briefe und Tagebücher von Kriegsteilnehmern bringen sowohl ihre Fähigkeit, angesichts neuer Landschaften zu staunen (Evanno, Vincent, 2019), zum Ausdruck, als auch zur Trauer vor der Zerstörung und zu „visuellen Schocks“ (Mazurel, 2018). Ziel der wissenschaftlichen Veranstaltung wird es ebenfalls sein, die potentielle Diachronie der sensorischen Erfahrungen, von der Kaserne, in der die Uniform angekleidet wurde, bis zur Front und bis zur Demobilisierung und der Nachkriegszeit zu erfassen. Tatsächlich hallt die sinnliche Erfahrung der Front noch lange nach dem Kriegsende nach, wie es die Untersuchungen zu Kriegstraumatisierten zeigen. Für die Betroffenen kann der bloße Anblick einer Soldatenmütze oder der Ton einer Pfeife ein dramatisches oder traumatisches Ereignis in Erinnerung rufen, was beispielsweise der Film Les fragments d’Antonin (2006) durch die Integration von Auszügen aus Filmarchiven zum Ausdruck bringt. „Vom Spürbaren bis zur Psyche zeichnet sich ein Kontinuum“ (Mazurel, 2018), das sich durch „Traumata“ ausdrückt. Sensorische Kriegserfahrungen tauchen in Träumen, Erinnerungen, Phobien, im Körper (Eckart, 2014) wieder auf und beeinflussen so soziale und politische Systeme dauerhaft (Beaupré, 2012).

2. Die sensorische Umgebung von Nicht-Kombattanten

Gefangene, Zivilisten und ausländische Arbeiter, die vom Krieg nicht verschont blieben, erlebten ebenfalls besondere sinnliche und sensorische Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Konflikt: neue Rezepte und Geschmäcker, das Leben in den Ruinen der bombardierten Städte, in dunklen und feuchten Kellern. Die Zivilbevölkerung stand vor unterschiedlichen Herausforderungen, je nachdem, wie weit sich ihr Wohnort von der Front befand, in der Stadt oder auf dem Land, ob sie Einheimische oder Fremde in diesen Orten waren. In der Tat ist die sinnliche Erfahrung noch einschneidender, wenn der Bruch zugleich zeitlich und räumlich ist. Vorschläge zu Sinneserfahrungen, die mit spezifischen Umgebungen verbunden sind, sind entsprechend willkommen. Sinneserfahrungen sind sowohl von den Orten, als auch vom jeweiligen Klima abhängig, besonders bei extremen Temperaturen, sowohl Kälte als auch Wärme. Welche Erfahrungen machten zivile Flüchtlinge, Deportierte oder ausländische Arbeiter und Angehörige der Kolonialtruppen? Während senegalesische Tirailleure in „Überwinterungslager“ in Südfrankreich einquartiert wurden, beschwerten sich italienische Arbeiter, die 1916 nach Frankreich gebracht und eingesetzt wurden, über das feuchte Klima in den verschiedenen Regionen und verlangten, nach Italien zurückkehren zu dürfen. Die Tagung soll daher die Besonderheit der mit den Sinnen verbundenen Kriegserfahrungen ermitteln: inwiefern sind diese von Individuum zu Individuum unterschiedlich oder werden sie von den meisten geteilt?

Es stellt sich zudem die Frage, ob es Verbindungen zwischen der sinnlichen und sensorischen Welt des Hinterlandes (oder der Zeit vor der Mobilmachung) und der Welt der Front und des Krieges gibt. Anders ausgedrückt: Ist die Sinneserfahrung des Krieges eine „Insel“ oder eine „Halbinsel“ (Audoin-Rouzeau, 1986)? Um diese Frage zu beantworten, ist es unerlässlich, eine Untersuchung der Erfahrung hinter der Front und in der Heimat durchzuführen. War die sensorische Umgebung der Männer, die an die Front gelangt sind, völlig neu oder bestanden weiterhin Brücken zwischen beiden Welten? Eheleute versandten beispielsweise Blumen aus dem Hinterland und von der Front sowie Haarsträhnen in ihren Briefen. Die Zusendung von Lebensmitteln aus der Herkunftsregion erfreuten die Kämpfenden, die sich oft mit Konservendosen zufriedengeben mussten. Ebenso hielten Soldaten durch die Ausübung ihrer früheren Tätigkeiten in der Armee eine sensorische Verbindung zu ihrem Leben vor dem Krieg aufrecht (Übersetzer, Schmiede, Tierärzte, Musiker, Bergleute…). Welche Praktiken ermöglichten es den Männern an der Front eine sinnliche Verbindung mit ihrem Leben vor dem Krieg aufrechterhalten? Wie versuchten sie die Empfindungen möglicherweise aus der Zeit vor ihrer Mobilisierung wieder aufzurufen? Welche Wege machten sie ausfindig, um sich an die frühere sensorische Umwelt zu erinnern oder diese aufs Neue zu erleben? Es muss daher nach dem sinnlichen Entfernungsgrad gefragt werden, je nach Entfernung zwischen Wohnort und Front des Kämpfers: Wie stark war die Entfremdung für Soldaten aus den Kolonien, die in die französische Hauptstadt versetzt werden, für italienische Arbeiter, die in die Pariser Region gebracht werden, für europäische Soldaten, die an der Ostfront mobilisiert werden?

3. Sozial- und Kulturgeschichte der Sinne und Interdisziplinarität

Zuletzt zielt die Tagung darauf ab, die Sinne in eine Sozial- und Kulturgeschichte zu integrieren und den Blick auf Deutungen und Praktiken zu richten. Unter diesem Gesichtspunkt erfordert die Untersuchung der Sinne im Krieg eine interdisziplinäre Herangehensweise (Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur, Anthropologie, Musik, Philosophie…). Die Tagung schlägt daher vor, die Sinne nicht nur als Untersuchungsobjekt zu begreifen, sondern diese auch als heuristische und epistemologische Werkzeuge mit interdisziplinärer Reichweite zu untersuchen2.

Die Sinneserfahrungen im Ersten Weltkrieg waren einzigartig und persönlich, überschnitten sich jedoch mit denen anderer Kriegsparteien. Sie trugen dazu bei, gemeinsame Diskurse zu etablieren, die darauf abzielten, sich selbst aufzuwerten oder den Feind abzuwerten. Da die individuelle und die kollektive Interpretation der Sinneserfahrungen vom Kontext, von sozialen und kulturellen Vorstellungen abhängt, erinnert ihre Untersuchung an die Verflechtungen von Somatik und Psyche. Die Sinne dürfen als nicht nur als biologische und körperliche Mechanismen gesehen werden. Sie fügen sich in ein soziales Gefüge ein und sind Teil einer Kultur, die sie nähren. Ist es möglich, den Einfluss der Ausbildung der Soldaten auf ihre Sinneserfahrungen aufzuspüren (O. Roynette, 2000)? Inwiefern beeinflusste der soziale Habitus die Erfahrungen an der Front und in der Heimat in Bezug auf die Wahrnehmung von Geräuschen, Sille, Gerüche und körperlicher Nähe? Inwiefern beeinflussten die Sinne Narrative über den Krieg, die Alliierten oder die Feinde? Der Wortschatz selbst wurde davon geprägt, wie es das spöttische Wort „singe“ (Fleischkonserve) zeigt, das genutzt wurde, um das von den Soldaten verzehrte Fleisch zu bezeichnen. Ebenso wurde mitunter der Feind als ekelerregend bezeichnet. Der Propagandadiskurs wurde durch sensorische Anspielungen bereichert, die das eigene, ebenso wie das gegnerische Lager animalisierten. Wurde dem Feind ein Geruch zugeschrieben (Courmont, 2010)? Inwiefern zeigen die Quellen, dass die Gedanken, die über Sinneserfahrungen geäußert wurden, die Interpretation dieser Erfahrungen bestimmten? Ziel der Tagung ist es daher, diese Narrative über Sinne nachzuvollziehen und den „Gebrauch der Sinne innerhalb einer Kultur“ (Corbin, 1990) zu untersuchen.

Zudem sind praxeologische Ansätze erwünscht. Die Beiträge können sich auf die Erfahrung eines bestimmten Sinnes konzentrieren oder die Wirkung multisensorischer Erfahrungen analysieren. Es kann die Fähigkeit, die Unfähigkeit oder die Weigerung, etwas zu fühlen („Hypnose der Schlachten“), zu hören, zu riechen, zu tasten oder zu sehen, untersucht werden. Nicht vergessen werden dürfen die Umgehungs-, Flucht- oder Trostversuche, die es zum Beispiel durch die Wirkung von Alkohol oder Drogen ermöglichten, die Sinne zu betäuben.

Besonders begrüßt werden Beiträge von jungen Forschern und jungen Forscherinnen, Doktoranden und Doktorandinnen, Post-Doktoranden und Post-Doktorandinnen, sowie Beiträge über wenig beachtete geographische Gegenden und Zeitspannen des Ersten Weltkriegs, sowie solche, die sich mit unbekannten Fronten befassen oder über das Kriegsende hinaus reichen.

Bewerbungsbedingungen

Praktische Aspekte

Ein einseitiger Lebenslauf und ein Vorschlag für einen Beitrag von maximal 500 Wörtern mit einer Vorstellung der genutzten Quellen und der Fragestellung, können auf Französisch, Italienisch, Deutsch oder Englisch bis zum 15 November 2023 an colloque.sens@gmail.com gesendet werden.

Die Tagung findet in Straßburg statt, am 14. Juni 2024 in der Maison Interuniversitaire des Sciences de l'Homme - Alsace (MISHA) und dam 15. Juni 2024 in der Bibliothèque Nationale Universitaire (BNU). Ein längerer Text zum Vortrag von 15.000 bis 20.000 Zeichen (einschließlich Leerzeichen) wird bis zum 15. März 2024 erwartet.

Die Vorträge werden 20 Minuten dauern und können auf Französisch, Deutsch oder Englisch gehalten werden. Die zumindest passive Beherrschung von zwei dieser Sprachen ist erwünscht.

Für Unterkunft und Transport werden bis zu 100 € für Transportkosten und 50 € für Unterkunftskosten übernommen.

Organisationsteam

Pierre-Louis Buzzi M. A., Université de Lorraine
Dr. Nina Régis, Université Sorbonne Nouvelle

Wissenschaftlicher Beirat

Damien Accoulon M. A., Université Paris Nanterre
PD Dr. Emmanuelle Cronier, Université de Picardie Jules Verne
Prof. Dr. Ute Frevert, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin
PD Dr. Gundula Gahlen, Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Oliver Janz, Freie Universität Berlin
PD Dr. Hervé Mazurel, Université de Bourgogne
Dr. Clémentine Vidal-Naquet, Université de Picardie Jules Verne

1. Un colloque intitulé «The Sound of War. Interdisciplinary and Interepochal Symposium of the Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. » est prévu sur ces paysages sonores à l’Université Libre de Berlin le 27 et le 28 septembre 2023, montrant une fois de plus l’actualité du sujet.
2. Un colloque intitulé « l’Empire des sens. Vers un Paysage sensoriel à la Renaissance » (1 et 2 juin 2023) organisées à Tours dans le cadre des rencontres doctorales de l’Association des doctorants du Centre d’études supérieures de la Renaissance.
Publié le

Date

-

Délai

Lieu

Strasbourg

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