Die DDR in Frankreich Spuren und Erinnerungen einer vergangenen Beziehung Akteur*innen - (Dis-)Kontinuitäten - Überlieferungen

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Mit der Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) durch Frankreich am
9. Februar 1973, die sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal jährt, wurden die offiziellen Beziehungen zwischen den beiden Regierungen eingeleitet. Auf gesellschaftlicher Ebene hatte der Austausch zwischen Frankreich und der DDR jedoch bereits mit den ersten französisch-ostdeutschen Städtepartnerschaften und der Gründung der Association des Échanges franco-allemands Ende der 1950er Jahre begonnen. Dieser Austausch u. a. auf kultureller, akademischer und gewerkschaftlicher Ebene wurde parallel zu den interministeriellen Beziehungen bis zum Ende der DDR im Jahr 1990 fortgesetzt.
Anknüpfend an Dorothee Rösebergs Forschung zum Frankreichbild in der DDR sowie an Nicolas Offenstadts Suche nach den Spuren der DDR in Ostdeutschland nach 1990 sollen im Rahmen des Kolloquiums die Überreste und Nachwirkungen dieser vergangenen Beziehung in Frankreich untersucht werden. Denn wie die Arbeiten von Ulrich Pfeil und Christian Wenkel aufgezeigt haben, hatte die französische Gesellschaft ein besonderes Verhältnis zu diesem „anderen Deutschland“, das ihr als Projektionsfläche für eine Reihe von politischen und sozialen Bestrebungen diente. Diese vielfältigen und engen Verbindungen zwischen Frankreich und der DDR sind Bestandteil sehr heterogener Erinnerungen, die zu dokumentieren, zu reflektieren und aufzuarbeiten sind. Das Kolloquium wird sich vor diesem Hintergrund den folgenden vier Forschungsschwerpunkten widmen:

  • Ostdeutsche Institutionen in Frankreich und ihr Schicksal nach dem Ende der DDR
  • Transformation und Fortführung der Beziehungen zwischen Frankreich und Ostdeutschland nach 1990
  • Konkurrierende Erinnerungen an die DDR in Frankreich seit der Wiedervereinigung
  • Akteure und Entwicklung einer französischsprachigen DDR-Geschichtsforschung

Erstens soll die Geschichte der Entstehung und Eingliederung ostdeutscher Institutionen in Frankreich näher betrachtet werden, die wie die Botschaft und das Kulturzentrum der DDR in Paris mit der Wiedervereinigung offensichtlich spurlos verschwanden. Als Symbole für die Normalisierung der Beziehung zwischen der französischen und der ostdeutschen Regierung in den 1970er und 1980er Jahren vertraten sie die Interessen der DDR und boten Zugang zur offiziellen ostdeutschen Kultur. Besonderes Augenmerk soll dabei auf das Schicksal der mit diesen Institutionen verbundenen Orte, Akteur*innen und Bestände nach 1990 gelegt werden.

Zweitens sollen Protagonist*innen der ostdeutsch-französischen Beziehungen wie die Association France-RDA (später Association des Échanges franco-allemands) in den Blick genommen werden, die versuchten, sich an die veränderten Bedingungen nach der Wiedervereinigung anzupassen und ihren Aktivitäten eine neue Ausrichtung zu geben. Dies gilt auch für Städtepartnerschaften zwischen französischen und ostdeutschen Städten, die aus der Zeit der DDR stammen und größtenteils noch bis heute fortbestehen. Vor dem Hintergrund, dass der Austausch zwischen Frankreich und den neuen Bundesländern im Vergleich zu demjenigen mit den alten Bundesländern noch immer weniger entwickelt ist, sollen die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR auf ihre Langzeitwirkung über die Wende hinaus befragt werden. 

Auch noch lange nach der Wiedervereinigung sind konkurrierende Erinnerungen an die DDR in der französischen Gesellschaft präsent. Im Rahmen der asymmetrischen Austauschbeziehungen zwischen den beiden Ländern hinterließen die persönlichen Erfahrungen der Franzosen und Französinnen mit der DDR vielfältige Erinnerungen, die es drittens zu untersuchen gilt. Im Fokus soll in Anlehnung an die Arbeiten von Aleida und Jan Assmann das kommunikative Gedächtnis der DDR stehen, das vor allem im privaten oder auch vereins- oder parteipolitischen Kontext weitergegeben wird. Aber auch fiktionale Romane, autobiografische Berichte und Filme gilt es zu berücksichtigen, denn sie spielten eine bedeutende Rolle bei der Konstruktion eines retrospektiven Bildes der DDR, das die französischen Vorstellungen von diesem "zweiten Deutschland" beeinflusste.

Viertens soll gezeigt werden, welchen Gewinn die französische Forschung ab den 1990er Jahren aus der Öffnung der DDR-Archive ziehen konnte. Waren die DDR-Studien in Frankreich während des Kalten Krieges vor allem ideologisch geleitet, entstand mit der Wiedervereinigung ein ganz neues wissenschaftliches Interesse an dem soeben untergegangenen ersten „sozialistischen Staat deutscher Nation“. Französische Geschichtswissenschaftler*innen haben anknüpfend an die Forschungen von Sandrine Kott einen entscheidenden Beitrag zur Sozialgeschichte der DDR geleistet. Anhand der historiografischen Untersuchung dieser zeitgeschichtlichen Strömung der französischen Forschung ließe sich besser verstehen, wie sich das wissenschaftliche Wissen über die DDR in Frankreich von den 1990er Jahren bis heute entwickelt und verbreitet hat. Das Kolloquium versteht sich als Beitrag zur Forschung über die DDR nach der DDR und möchte neue Aspekte der Historiografie der französischen-ostdeutschen Beziehungen beleuchten, indem es diese um eine Reflexion über das Gedächtnis und die (Dis-)Kontinuitäten dieser Beziehungen nach 1990 bereichert.

Das Kolloquium findet am 9. und 10. November 2023 in deutscher und französischer Sprache an der EHESS statt und wird von einer Diskussionsrunde mit Zeitzeug*innen dieses Austauschs sowie einem Kulturprogramm im Goethe-Institut in Paris begleitet. Die Veranstaltung richtet sich vor allem an Nachwuchswissenschaftler*innen, deren Forschung sich mit den Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR befasst. Die Teilnehmenden werden ihr Forschungsthema in einem 20-minütigen Vortrag präsentieren. Eine aktive Beteiligung an den Diskussionen ist erwünscht und externes Publikum ausdrücklich willkommen.

TEILNAHMEBEDINGUNGEN

Bewerbungen um die Teilnahme an dem Kolloquium sind mit einem Abstract (max. 2000 Zeichen mit Leerzeichen, inklusive Kurzbiografie, Forschungsprojekt, disziplinärer Zuordnung und ggf. institutioneller Anbindung) bis zum 15. Juli 2023 einzureichen unter: colloque2023.france.rda@gmail.com
Ein Reisekostenzuschuss für eine Zugfahrt (2. Klasse) / einen Flug (Economy) kann beantragt werden, die Erstattung erfolgt rückwirkend gegen Vorlage der Originaltickets. Die Beantragung eines Zuschusses für die Übernachtungskosten ist ebenfalls möglich. Die Veröffentlichung der Beiträge des Kolloquiums in einer Online-Zeitschrift ist geplant.

Organisation

- Franck Schmidt (EHESS / Universität Heidelberg)
- Bettina Sund (EHESS / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Wissenschaftlicher Beirat

- Simon Godard (Sciences Po Grenoble)
- Élisa Goudin-Steinmann (Université Sorbonne Nouvelle)
- Sandrine Kott (Université de Genève)
- Dorothee Röseberg (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
- Christian Wenkel (Université d’Artois)

Publié le

Date

-

Lieu

EHESS, Paris