Die Reise

Deutsch-französische Sommerschule

In Zeiten des Lockdowns haben wir es alle verspürt: die Sehnsucht nach dem Reisen, den Preis der Bewegungsfreiheit, das plötzliche Fernweh. Dabei ist die Reisefreiheit, die wir seit den 1990er Jahren in Europa erfahren, eher eine historische Ausnahme. Die neuartige Reiselust stellt zudem jene Grenzen in Frage, die mittels Worten und Praktiken zwischen frei gewählten und erlittenen, individuellen und kollektiven Mobilitätsformen gezogen werden. Hat man jemals von „Abwanderungslust“, „spiritueller Deportation“ oder gar von „Studienmigration“ gehört? Die Wortschöpfungen zeigen, dass die zuweilen als globale Notwendigkeit gefeierte „Mobilität“ immer auf ihre sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen bezogen werden muss; sie laden dazu ein, die in Europa hochgelobte Bewegungsfreiheit zu relativieren: Wer hat überhaupt die Möglichkeit, die Mittel und die Erlaubnis zu reisen?

Das Thema der „Reise“ eröffnet somit ein Spannungsfeld zwischen einem Begriff (oder vielleicht sogar zwei Begriffen, denkt man die Dissonanzen zwischen „Reise“ und „voyage“ mit) und der Frage der Mobilität(en): Wieso sind von zwei äquivalenten Strecken die eine eine „Reise“ und die andere keine? Welche Rolle spielen die historische Epoche, der geografische oder soziale Ort, die Gattung, die von ihr berichtet, oder die literarische Tradition, die sie zelebriert? Das Thema der „Reise“ lädt ein zu einer interdisziplinären und deutsch-französischen Auseinandersetzung mit den Rahmen, seien sie juristisch, linguistisch, ökonomisch oder ökologisch, die die Durchführung und die Einordnung der Mobilitäten von Frauen und Männer strukturieren – und animiert schließlich zu einem Nachdenken über die Historizität eben dieser Rahmen.

Die Europäische Kultur hat sich in Teilen über die Reise und die Neugier für das Fremde konstituiert – so lautet zumindest die von ihr selbst geschriebene Geschichte. Aber besagte Reisen haben oft auch imperialistische und diskriminierende Sichtweisen produziert, indem sie das Andere als geringere Alterität definiert haben. Der heroisch anklingende Reisebericht, verfasst von jenen „Entdeckern“, die Claude Lévi-Strauss bereits im ersten Satz seiner Tristes tropiques angibt zu „hassen“, ist eine zentrale Gattung der europäischen Projektion sowie der Popularisierung des Kolonialismus. Die Berichte stammten ebenfalls von Handelsleuten und Pilgern, die in nahe oder ferne Länder reisten – inzwischen wurden sie von den „Reise-Influencern“ der sozialen Medien neu kodifiziert. Sprechen, schreiben, träumen von der Reise, die Reise in die Ferne oder zu sich selbst, bleibt bis heute ein Thema der Literatur, vielleicht sogar eine Metapher für die literarische Erfahrung als solche.

Die Reise hat, jenseits der Begriffe, die sie erfassen, viele unterschiedliche Gesichter. Der fremde Reisende wurde oft als Außenseiter betrachtet: Der Vagabund, der Zigeuner oder der Verrückte sind allesamt Figuren des Reisenden, die im alten Europa regelrecht verabscheut wurden, weil sie als unbekannte Frauen und Männer nur Misstrauen hervorriefen. Das Aufkommen der modernen Administration hatte somit vor allem zum Ziel, Reisepässe, Reisekontrollen, Visa und „Arbeitsbücher“ einzuführen, zuweilen sogar die Reise an sich als sträflich oder pathologisch zu deklarieren. Welche Mobilitätsordnung entstand in dieser Vielfalt der Möglichkeiten, aber auch der Einschränkungen, der Verhinderungen oder gar der Repressionen?

Das 18. Jahrhundert hingegen zelebrierte die Reisen seiner Eliten als Inbegriff humanistischer Bildung und individueller Erfahrung. Das Aufkommen des „Grand Tour“, auch Cavaliersreise genannt, im Europäischen Adel des 17. und 18. Jahrhunderts ist ihre wohl bekannteste Ausprägung. Das Modell wurde zwar dank moderner und günstigerer Reisemittel mit der Zeit demokratischer, behält jedoch im Kern seinen elitären Charakter – zumindest in der heutigen „Verkaufsstrategie“. In dieser speziellen Auffassung der Reise schwingen zudem weiter zurückreichenden Metaphern mit über die „innere Reise“ und die „spirituelle Reise“, deren Widerhall man heute in den Verheißungen der Reiseagenturen findet, die den Reisenden „Auftanken“ und „Wohlbefinden“ versprechen. Man findet sie auch im (chemischen) „Trip“ der westlichen Gegenkulturen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder, oder aber in den von Videospielen und der Science-Fiction entworfenen Reiserouten (sei es in der Literatur oder im Kino, welche die Odyssee im All neu erfand). Welche Rolle spielt hier noch die alte Matrix individueller Leistung und Distinktion, ist die Reise doch heute vor allem geprägt durch Massentourismus und Reiseindustrie, und vielleicht sogar bald gänzlich abgelöst durch die Möglichkeiten virtueller Mobilität?

Obgleich heute so intensiv gereist wird wie nie zuvor, muss sich die Reise gleich zwei Kritikpunkten stellen. Zum einen sind touristische Sehenswürdigkeiten inzwischen hoffnungslos überlaufen, was neben logistischen Herausforderungen auch die Gefahr eines Identitätsverlusts birgt: Ist die Demokratisierung der Reise ein Problem, wenn auch andere davon profitieren? Zum anderen lassen Klimakrise und CO2-Bilanz die Schuld der Mobilität immer schwerer wiegen, mal als individuelle Last, mal als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Reise scheint nunmehr die Zukunft der Erde zu bestimmen. Welche Verantwortung trägt der oder die Einzelne, wenn er oder sie beschließt zu reisen, sei es beruflich oder privat, wenn die weite Welt doch inzwischen per einfacher Videokonferenz zu erreichen ist?

Die Tradition der adeligen Bildungsreise, vielleicht sogar der spirituellen Pilgerreise, und die moderne Studienreise, die in der Form der „Auslandsstudienaufenthalte“ weiterlebt, scheinen offensichtlich verwandt. Die Etablierung eines autonomen wissenschaftlichen Felds ist Hand in Hand gegangen mit funktionalen und normierten Formen des Reisens: der Besuch wissenschaftlicher Kongresse, das Ausführen von Forschungsaufträgen (etwa im Bereich der wirtschaftlichen Produktivität), die Durchführung von Forschungsreisen und prestigeträchtige Stipendien als Distinktionsmerkmale. Das Aufkommen der wissenschaftlichen Reise ähnelt anderen Strukturierungsmitteln einer internationalen Ordnung, die ganz auf den Westen ausgerichtet ist (und trägt womöglich auch zu ihr bei).

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen dem facettenreichen und althergebrachten Kontext der Studienreise und der individuellen Erfahrung, die jeder und jede Nachwuchsforschende bei seiner und ihrer ersten Forschungsreise macht? Die Sommerschule zum Thema der „Reise“ möchte die Teilnehmenden somit auch dazu einladen, die Bedingungen und die Sinnhaftigkeit ihrer eigenen wissenschaftlichen Mobilität angesichts der massiven Digitalisierung von Bibliotheks- und Archivbeständen zu reflektieren. Erfordert die Durchführung einer wissenschaftlichen Untersuchung heute noch zwingend eine Forschungsreise? Ist sie nach wie vor notwendig für den Forschenden oder die Forschende?

Schwerpunkte

  • Vielfältige Konzepte und Forschungsansätze zu einem gemeinsamen Thema entdecken
  • Erproben kollektiver Arbeitsweisen in einem interdisziplinären und deutsch-französischen Rahmen
  • Austausch unter Nachwuchsforschenden und mit dem Betreuungsteam

Ablauf

Die Sommerschule bietet den Promovierenden und Nachwuchsforschenden zum einen die Möglichkeit, ihre Projekte in Kurzvorträgen mit einem internationalen und interdisziplinären Rahmen vorzustellen und zu diskutieren. Zum anderen wählen die OrganisatorInnen – je nach thematischer und disziplinärer Zusammensetzung der Teilnehmenden – passende Materialien und Themen aus, die dann in kleineren Gruppen inhaltlich, analytisch und/oder künstlerisch erschlossen werden. Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten werden in einer abschließenden Sitzung präsentiert. Ergänzt werden jene praktischen Übungen und Materialerkundungen durch theoretische Diskussionen und Inputs durch geladene ExpertInnen. Die Teilnehmenden können während der gesamten Woche und beim abendlichen Rahmenprogramm miteinander und mit dem Betreuungsteam ins Gespräch kommen und dadurch zugleich theoretisch und spielerisch die Bedingungen ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit reflektieren.

Teilnahmebedingungen

  • Die Arbeitssprachen sind Französisch und Deutsch. Die zumindest passive Beherrschung beider Sprachen wird vorausgesetzt.  
  • Die Bewerbenden verpflichten sich, an der gesamten Veranstaltung teilzunehmen. Sie erhalten eine Bescheinigung, mit der sie den Workshop gegebenenfalls als Leistungsnachweis an ihrer Universität anerkennen lassen können.
  • Voraussetzung für Nachwuchsforschende, die an dieser Veranstaltung teilnehmen möchten, ist die vorherige Registrierung auf der Seite des CIERA für das laufende akademische Jahr.
  • Interessierte können sich mit einem Klick auf "Bewerben" oben rechts anmelden. Die in einer PDF-Datei hochzuladenden Bewerbungsunterlagen enthalten einen wissenschaftlichen Lebenslauf (max. 2 Seiten), ein Motivationsschreiben (max. 1 Seite) sowie eine kurze Zusammenfassung des aktuellen Forschungsprojekts (max. 8000 Zeichen).

Reisekosten

  • Für den gesamten Workshop wird eine Teilnahmegebühr in Höhe von 50 € erhoben.
  • Das CIERA übernimmt die gesamten Kosten für die Unterbringung und Verpflegung im Moulin d’Andé (Normandie).
  • Die Fahrtkosten können nach Vorlage der Fahrkarten in Höhe von maximal 110 € für Teilnehmende aus Frankreich und 140 € für Teilnehmende aus dem Ausland übernommen werden.
  • Die Hin- und Rückfahrt zwischen Paris und dem Moulin d’Andé (Normandie) erfolgt als Gruppe mit einem Reisebus und wird vom CIERA organisiert.

Wissenschaftlicher Beirat

Lucia Aschauer (EHESS/CIERA), Mandana Covindassamy (ENS), Christophe Duhamelle (EHESS/CIERA), Nathalie Faure (CIERA), Karim Fertikh (Université de Strasbourg/CIERA), Elissa Mailänder (Sciences Po/CIERA) et Nikola Tietze (Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur/Centre Marc Bloch)

KONTAKT

isabelle.schafer@sorbonne-universite.fr
Tél.:01 53 10 57 36

Public

Masterstudierende
Doktoranden
Postdoc

Date

-

Délai

Lieu

Moulin d'Andé

Publié le 25/01/2022