Zum Begriff des Kontexts Eine Herausforderung für die Interpretation und die Übersetzung literarischer Texte?

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Das Duden Online-Wörterbuch definiert den Kontext als den "umgebenden Text einer sprachlichen Einheit". Gemäß dieser engen Definition erstreckt sich der Kontext eigentlich nicht über den Text hinaus, sondern umgrenzt dessen semantischen Einheiten und erhellt deren Bedeutung. Dieses Verständnis des Kontexts erinnert an den Ansatz, den die russischen Formalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts theoretisch entwickelten. Unter Rückgriff auf de Saussures Linguistik, erforschten sie die Gesetzmäßigkeiten, nach denen ein literarischer Text funktioniert (Jakobson, Propp). Dank der wissenschaftlichen Arbeiten von Tzvetan Todorov in den 1960er Jahren konnte das Erbe der Formalisten in Frankreich weiterleben. Ein überzeugendes Bespiel hierfür ist die Kritik von Roland Barthes an der Literaturgeschichte im Sinne von Gustav Lanson. Barthes erklärte den Autor für tot (Barthes: 1969), und die biographische Lektüre eines Werkes wurde als unzureichend erklärt, um einen Text zu verstehen. Es ging nun darum, die strukturellen Invarianten zu finden, aus denen der Sinn eines Textes entsteht.
Bei Autoren wie Lucien Goldmann und Itamar Even-Zohar erhielt der Begriff des Kontexts in den 1960er und 1970er Jahren eine neue Bedeutung und wurde, mit einem soziologisch informierten Blick, stärker auf außerliterarische Faktoren bezogen. Dies führte zu einem neuen Ansatz, bei dem das, was als das (z.B. historische, politische oder kulturelle) Umfeld eines Textes verstanden wird, eine entscheidende Rolle für die Interpretation literarischer Texte und ihrer Übersetzung spielt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts flammte auch in der Philosophie eine folgenreiche Debatte über den Begriff des Kontexts auf. Hans Georg Gadamers Hermeneutik (1960) etwa problematisiert die Historizität des Werks und des Verstehens, wogegen Jacques Derrida prominent widersprochen hat. Indem er die Idee einer allgemeinen Textualität entwickelt, stellt Derrida die Relevanz des Begriffs des Kontexts grundsätzlich in Frage (1967). Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts sind mit den Gender Studies und den Postcolonial Studies die Entstehungsbedingungen des Textes zu einem zentralen Aspekt bei der Analyse von Werken geworden. Tatsächlich ermöglichen sie es, diese im Licht komplexer kultureller und politischer Dynamiken zu untersuchen, die untrennbar mit ihrer Entstehung und Rezeption verbunden sind (Saïd, Spivak, Venuti, Butler).
All diese verschiedenen Konzeptionen und Verwendungen des Begriffs >Kontext< verdeutlichen die Herausforderungen bei der Interpretation eines literarischen Textes und die vielfältigen Wege, wie dieser Begriff in der Textrezeption und -vermittlung berücksichtigt wird. Sie betonen, wie aktuell dieses Problem nach wie vor ist, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Interdisziplinarität in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung. Aus diesem Grund könnte der Begriff in einem Rahmen neu definiert werden, in dem junge Forscher*innen (in der Promotionsphase oder nach Abschluss ihrer Promotion) aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Philosophie, Übersetzungswissenschaft, Soziologie und Geschichte zusammenkommen. Diese beiden letzten Disziplinen erweisen sich als unerlässlich für Reflexionen über die Beziehungen zwischen literarischem Text und sozialem Kontext. Der Raum für solche Diskussionen soll auf der Tagung geschaffen werden, die am 20. und 21. Juni 2024 an der École Normale Supérieure (Paris) stattfindet.
Wir erwarten sowohl Vorschläge, die sich mit theoretischen Aspekten befassen, als auch empirische Fallstudien. Beispielsweise kann die Rolle des Kontexts in theoretischen Texten, die literarische Texte zu Argumentationszwecken heranziehen, genauer untersucht werden. Oder die Untersuchung eines konkreten Falls kann zu einer Reflexion über den eigenen Gebrauch des Begriffs >Kontext< in Bezug auf Interpretation und Übersetzung führen. Aufgrund des deutsch-französischen Charakters dieser Tagung bevorzugen wir Beiträge, die sich auf Texte und Ideen beziehen, die mit diesen beiden Sprach- und Kulturräumen sowie ihren wechselseitigen Einflüssen verbunden sind.
Der Fokus auf den Begriff >Kontext< rückt die damit verbundene Frage der Historizität des Werks sowie seiner Interpretation und Übersetzung in den Mittelpunkt der Gespräche. Wir berücksichtigen dazu mindestens zwei Aspekte: einerseits die Einbettung des Werks und seine Überlieferung in einen materiellen Kontext, der durch soziale Dynamiken geformt wird; andererseits seine Interaktion mit einem spezifisch kulturellen und intellektuellen Kontext. Darüber hinaus erschließen diese Überlegungen eine dritte Forschungsrichtung mit einem Schwerpunkt auf der Epistemologie, die darauf abzielt, die Entwicklung des Begriffs >Kontext< zu rekonstruieren, um sich in dieser Geschichte zu verorten. Daher schlagen wir vor, die Diskussion in drei Fragestellungen zu strukturieren:

1 - Das Werk als Produkt eines sozialen und kulturellen Kontextes

Mit dieser Fragestellung untersuchen wir die Beziehung eines Werkes zu seinem Entstehungskontext. Dieser Kontext wird als ein komplexes Geflecht sozialer Dynamiken verstanden, das die Produktion des Textes maßgeblich beeinflusst. Wie spiegeln sich diese Dynamiken im Werk wider? Wie prägen die materiellen Produktionsbedingungen die ästhetische Dimension eines Werkes? Und wie können wir die Auswirkungen bewerten, die ein Werk wiederum auf diese sozialen Dynamiken haben kann? Die Frage nach den Beziehungen zwischen dem literarischen Text und einer Zeugenaussage erweist sich als besonders interessant, um dieser Thematik auf den Grund zu gehen. Literarische Texte, die als Zeugnisse betrachtet werden, ermöglichen es den Leser*innen, sich mit einer Realität auseinanderzusetzen, die ihnen ansonsten unzugänglich bliebe. Daher können sie als wertvolles Material für die Sozialwissenschaften dienen. Allerdings kann die Fiktion auch auf andere Weisen soziale Dynamiken sichtbar machen. Inwiefern unterscheiden sich die Auswirkungen der Fiktion von denen der Zeugenaussage, und wie können beide als Material für die Sozialwissenschaften genutzt werden? Es erscheint daher sinnvoll, den Begriff des Kontextes im Rahmen eines interdisziplinären Dialogs zwischen verschiedenen Fachbereichen zu beleuchten und zu untersuchen. Relevant ist zudem die Frage nach dem Werk als Ergebnis ästhetischer, thematischer und epistemologischer Traditionen, die charakteristisch für seinen Entstehungskontext sind. Wie beeinflussen diese Verbindungen die Interpretation und Übersetzung des Textes?

2 –Werk und Geschichte

Die zweite Fragestellung widmet sich der Rolle, die die Beziehungen zwischen dem Werk und seinem sozialen Erscheinungskontext im Nachhinein spielen: Führen spezielle Verhältnisse zu einer besonderen Herangehensweise bei der Interpretation oder Übersetzung des Werkes und schließen sie bestimmte Ansätze aus? Welche Auswirkungen hat der "Erfahrungswandel" (Koselleck) zwischen dem Entstehungskontext und dem Rezeptionskontext auf die Interpretation und Übersetzung eines literarischen Textes? Wie können wir die oft widersprüchlichen Rezeptionen desselben Werkes verstehen, die im Laufe der Zeit von einer politischen Vereinnahmung zu einer Entpolitisierung des Werkes führen können? Inwiefern stehen solche Phänomene in Zusammenhang mit der Entscheidung für eine bestimmte Interpretation oder Übersetzung, bei der das Werk mal ohne, mal durch seinen Entstehungskontext interpretiert und vermittelt wird?

3 – Rückblick auf die Geschichte des Begriffs

Im Gegensatz zu den beiden anderen Fragestellungen ist die dritte offen für Beiträge, die eine diachronische Perspektive auf die Entwicklung des Begriffs >Kontext< und epistemologische Ziele verfolgen. Während zuvor die Vielfalt der Kontextbegriffe und ihre Anwendungsbereiche im Vordergrund stand, konzentrieren wir uns nun auf die Entwicklung des Begriffs selbst. Anders ausgedrückt geht es darum, eine Geschichte des Begriffs "Kontext" zu erforschen und die Faktoren zu hinterfragen, die seine Entwicklung beeinflusst haben. Dabei kommt der Rolle von Übersetzungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine besondere Bedeutung zu. Wie wird das (mit-)übersetzt, was mit dem Kontext zu tun hat? Inwiefern können verwandte Begriffe wie Zusammenhang, Verhältnisse oder Bedingungen die Beziehungen zwischen dem Text und seinem sozialen Kontext erweitern? Oder wie kann die Vorstellung eines Umfelds, einer Umwelt oder Ökologie der Texte die kulturellen und intellektuellen Aspekte einer historischen Epoche miteinbeziehen? Hier erwarten wir Vorschläge, die sich mit Phänomenen des Theorietransfers zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Ländern befassen und die wesentliche Beiträge zur Entwicklung des Begriffs geleistet haben. Die Art und Weise, wie das Wort >Kontext< und andere Begriffe aus seinem semantischen Bereich im Rahmen dieses Austauschs übersetzt wurden, kann eine fruchtbare Untersuchung darstellen: Geben diese Übersetzungen Aufschluss über die Veränderungen, die der Begriff >Kontext< bei seinem Übergang von einem Kulturraum in einen anderen erfahren hat?
Darüber hinaus nimmt sich diese Fragestellung vor, die Entstehung bestimmter methodologischer Ansätze innerhalb verschiedener Disziplinen zu untersuchen, die aus der Notwendigkeit entstanden sind, die Produktion literarischer Texte und ihre Beziehung zum materiellen, historischen und sozialen Kontext genauer zu betrachten. Hierbei sind die vergleichende Literaturwissenschaft sowie Ansätze wie die histoire croisée, die Textgenetik oder die Soziopoetik von besonderer Relevanz. Anhand konkreter Beispiele können wir die Entstehung solcher Ansätze problematisieren und ihre umfassende Neubewertung des Begriffs >Kontext< für die Interpretation und Übersetzung literarischer Texte beleuchten. Eine interessante Herangehensweise könnte darin bestehen zu untersuchen, wie die aus der amerikanischen Tradition stammenden "Studies" (Gender Studies, Postcolonial Studies, usw.) aufgrund ihrer Verankerung in sozialen Dynamiken den Begriff des Kontexts bei der Untersuchung literarischer Texte betrachten.

Teilnahmebedingungen und -modalitäten:

Beitragsvorschläge können bis spätestens zum 15. Januar 2024 an die folgende E-Mail-Adresse gesendet werden: notiondecontexte@gmail.com
Die Abstracts sollten nicht länger als 500 Wörter sein und können auf Französisch oder Deutsch eingereicht werden. Kandidat*innen fügen zudem eine kurze Biographie bei und geben explizit an, in welcher Sprache sie ihren Vortrag halten möchten.
Die Arbeitssprachen während der Tagung werden hauptsächlich Französisch und Deutsch sein. Wir erwarten von den Teilnehmer*innen zumindest ein passives Verständnis beider Sprachen, um den Austausch zu erleichtern.
Das Organisationskomitee wird bis spätestens Mitte Februar antworten. Eine schriftliche Version des Beitrags, die etwa 25 Minuten lang sein sollte, muss spätestens zwei Wochen vor der Tagung eingereicht werden.
Die Tagung wird am 20. und 21. Juni an der École Normale Supérieure (Paris) stattfinden.
Die Transport- und Übernachtungskosten können im Rahmen der verfügbaren Mittel übernommen werden.

Organisationskomittee:

Ginevra Martina Venier (Doktorin, ENS, Pays germaniques - UMR 8547)
Alexia Rosso (Doktorandin, Université Toulouse Jean Jaurès, CREG)

Wissenschaftliches Komittee:

Mandana Covindassamy (ENS Paris)
Marc Crépon (CNRS, ENS Paris)
Judith Lyon-Caen (EHESS Paris)
Denis Thouard (CNRS, Zentrum Marc Bloch)
Dirk Weissmann (Université Toulouse Jean Jaurès, Institut des Textes Et des Manuscrits modernes)

Partnerinstitutionen:

Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne (CIERA), Département de philosophie de l’ENS, Laboratoire CREG (Université Toulouse Jean Jaurès), Ecole Normale Supérieure (Paris).

Publié le

Public

Masterstudierende
Doktoranden
Postdoc

Date

-

Lieu

Ecole normale supérieure
45 Rue d'Ulm, 75005 Paris

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